Die letzten ersten Menschen

Der kommende Samstag, 10.7.2010, ist ein besonderer Tag. Der Zoo Eberswalde „weckt die Löwen“ und zeigt die Besonderheiten einer bedrohten Art aus Namibia: die San – „die vom Aussterben bedrohten letzten ersten Menschen“

What the fuck? Will der Zoo Eberswalde hier an die Hagenbeck`sche Tradition der „Menschenzoos“ und „Völkerschauen“ anknüpfen, die bereits im 19. Jahrhundert den Europäer_innen „die Kultur Afrikas“ nahe bringen wollte?
Oder was denken sich die Betreiber_innen des Zoos und des „Freundeskreis Gesundheit für Omibil Berlin Brandenburg e.V.“, wenn sie folgendes in ihrer Broschüre nacheinander aufzählen und auszustellen planen:

• Erleben Sie die Tiere hautnah im besonderen Ambiente
• Lassen Sie sich von einzigartigen Lichteffekten faszinieren
• Entdecken Sie nachtaktive Tiere im Zoo bei einem individuellen nächtlichen Zoo-Rundgang
• Lernen macht Spaß – Angebote der Zooschule für die Jüngsten
• Erfreuen Sie sich an Informationen über Namibia und die San, die vom Aussterben bedrohten letzten ersten Menschen
• Bewundern und erwerben Sie die Schnitzereien, Flechtarbeiten und weiteres Kunsthandwerk, das von ihnen geschaffen wurde

Aber das ist noch nicht alles:
Diese Veranstaltung soll die Volksgruppe der San, den „letzten ersten Menschen“, durch Hilfe zur Selbsthilfe bei der sanften Integration in unsere moderne Zeit unterstützen“ heißt es weiter in der Broschüre. – Aha. Die San befinden sich also noch auf einer Art Vorstufe zum modernen Menschen und müssen quasi von uns (Eberswalder_innen?) unterstützt werden, um endlich auch mal in die moderne Zeit „integriert“ werden zu können. Bis jetzt sind sie ja quasi noch eine Evolutionsstufe hintendran. Dann wirds aber mal Zeit für einen kleinen Anstoß.

Obendrein wird dieser Tag, an dem „Gutes“ getan werden soll (Spenden!, Futtern!), zum besseren Einfühlen ins „afrikanische Lebensgefühl“ untermalt von dem, was so richtig „afrikanisch“ ist:

* afrikanisches Trommeln und Tanzen
* afrikanisches Schminken
* Blasrohrschießen

und natürlich: „afrikanisches“ Essen (hier: burische Wurst).

Da kommt Freude auf! Hier werden hunderte verschiedenster kultureller, klimatischer, geschichtlicher, kolonialer und sonstwas für Einflüsse auf Zusammenleben, Essen, Musik, Kunst etc. in einen Topf geschmissen und einmal gründlich mit dem Handmixer zermust. Heraus kommt das typisch „Afrikanische“ und – natürlich – auch das dazugehörige „Blasrohrschießen“ (das können die ja alle da unten). So werden rassistische Stereotype und Vorurteile kindgerecht aufbereitet. Bravo!

Und so wird einer/m endlich mal wieder der afrikanische Kontinent (reduziert auf Frisurmode, Essen und ein bisschen Handicrafts) und insbesondere Menschen aus Namibia „näher gebracht“ an einem Ort, an dem so etwas schon soooo lange nicht mehr sein durfte: dem Zoo. Eigentlich hätte es das auch nicht in Augsburg im Jahre 2005 geben dürfen. Doch die damalige Veranstalterin und Zoodirektorin des „african village“, Dr. Jantschke, trotzte damals mutig den etlichen internationalen Protesten, blieb bis zum Ende einsichstresistent und zog ihr Ding voll durch.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Herr Zoodirektor, Bernd Hensch, und liebe Vorsitzende vom Freundeskreis, Dr. Frauke von Versen, dass auch Sie sich nicht beirren lassen von den doch eher unangenehmen Jahren des Kolonialismus und der deutschen Vergangenheit! Vielleicht können Sie sich in Sachen Dreistigkeit und Ignoranz noch ein paar Scheiben abschneiden von ihrer Augsburger Kollegin.

Mein Tipp: für zukünftige Zusammenarbeit auf allzu offensichtliche, rassistische Formulierungen verzichten und lieber modernisierte Varianten verwenden: „Ethnienschau im Zoo von Eberswalde“. Das klingt frisch und wird bestimmt das nächste große Ding.


10 Antworten auf „Die letzten ersten Menschen“


  1. 1 Konfuzius 06. Juli 2010 um 12:21 Uhr

    Haltet für rassistisch, was ihr wollt, aber hört bitte auf, den E-Mail-Server der HNEE mit eurem Quark vollzuspammen.

  2. 2 Jemand 06. Juli 2010 um 14:45 Uhr

    Habe als kleinen Nachmittagssnack noch ein paar Negerküsse bestellt, ich denke, dass wertet die Veranstaltung etwas auf ;-)

  3. 3 Dieter 06. Juli 2010 um 19:49 Uhr

    Tja, der Artikel zeigt, dass eine Immatrikulation an der HNE nicht vor Wahnvorstellungen schützt. Da hilft nur eins, hingehen und Spenden, die kommen zu 100% bei den San an.

  4. 4 Administrator 06. Juli 2010 um 23:19 Uhr

    und die kommentare hier zeigen, dass lesen und verstehen immer noch zwei völlig unterschiedliche dinge sind, die aber doch eigentlich zusammen gehören (sollten).

  5. 5 Reinhardt Küsters - Ombili Foundation 07. Juli 2010 um 9:56 Uhr

    Ombili Stiftung – Foundation
    Postfach 1333
    Tsumeb/NAMIBIA
    Tel: 00264 67-230050
    Fax: 00264 67-230056
    Web: http://www.ombili.de
    Email: rkusters@iway.na
    Datum 6. Juli 2010

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    wir haben von den gegenwärtigen Vorgängen in Deutschland Kenntnis erhalten und möchtendazu Stellung nehmen.

    Zuerst einige Ausführungen zu unserer Stiftung. Die Ombili Foundation wurde im Jahre der Gründung der Republik Namibia ins Leben gerufen. Die Zielstellung der Stiftung ist die Hilfe zur Selbsthilfe der Volksgruppe der San für eine schrittweise Integration in die moderne und demokratische Gesellschaft des Landes und die Pflege ihrer Kultur. Auf Ombili arbeiten ca. 500 San in drei Dörfern aktiv an diesem anspruchsvollen Ziel.

    Dazu gehören unter anderen die Gewährleistung von Bildung, beginnend im Kindergarten bis hin zur Bildung in der Grundschule und in weiterführenden Schulen, die Schaffung von Arbeitsplätzen, verbunden mit der Aneignung handwerklicher Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie gesundheitliche Betreuung. Um die genannten Ziele zu erreichen betreibt die Ombili-Stiftung einen Kindergarten, ein Hostel für ca. 70 auswärtige und eine Schule für ca. 200 Schüler. Gartenbau, Viehzucht, Landwirtschaft, die Herstellung von Kunsthandwerk, der Betrieb eines Kulturzentrums und eigene Werkstätten dienen der Ausbildung, der Schaffung von Arbeitsplätzen und Generierung eigener Einkommen. Das Konzept der Stiftung ist von der namibischen Regierung hoch anerkannt und dient inzwischen als Modell für weitere San-Gemeinden im Lande. Diese Anerkennung schließt auch die Arbeit der in Deutschland tätigen Unterstützergruppen und dabei insbesondere die Leistungen des Freundeskreises Gesundheit für Ombili Berlin-Brandenburg e. V. ein.
    Seit nunmehr 10 Jahren arbeiten wir nun sehr erfolgreich mit dem Freundeskreis zusammen. Dieser Freundeskreis unterstützt insbesondere medizinische und soziale Projekte. So werden u. a. die Krankenstation, die Ausbildung eines San zum Krankenpfleger, die Bezahlung der Leiterin des Kindergartens und die Bereitstellung eiweißreicher Nahrung für die Kinder vom Freundeskreis Gesundheit für Ombili Berlin-Brandenburg e.v. getragen. Die dafür nofwendigen Mittel kommen durch Spenden aber insbesondere durch die jährlich zweimal durchgeführten Benefizveranstaltungen (Winterkonzert und Afrikanische Zoo-Nacht) zusammen. Ohne diese Mittel wäre die Gewährleistung unserer Aufgabenstellung nicht möglich.

    Aus diesem Grunde begrüßen wir ausdrücklich die Aktivitiiten des Freundeskreises.
    Rassistische und postkoloniale Verhaltensweisen sind für uns nicht erkennbar, auch wenn eine der Veranstaltungen in einem Zoologischen Garten stattfindet. Diese Veranstaltung mit Ereignissen aus der Kolonialzeit oder mit bedauerlicherweise auch noch heute aktiven Rechtsgruppen in Verbindung zu bringen halten wir für absurd. Im Gegenteil kennen wir die Mitglieder des Freundeskreises als hoch engagierte Freunde, die alles Menschenmögliche tun, um die schlimmen Hinterlassenschaften der Kolonial- und Apartheitszeit überwinden zu helfen.

    Da wir davon ausgehen, dass Ihre und die Ziele der Ombili-Stiftung als auch die des
    Freundeskreises doch letztendlich in die gleiche Richtung weisen, würden wir einen
    Meinungsaustausch im Sinne eines konstruktiven Dialoges vorschlagen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Reinhardt Küsters
    Vorsitzender des Kuratoriums

  6. 6 außenstehende 07. Juli 2010 um 12:49 Uhr

    @ Dieter

    ich glaube es geht nicht um wahnvorstellungen sondern um die berechtigte kritik an der zweifelhaften umsetzung einer eigentlich unterstützenswürdigen Initiative…
    die unterstützung des freundeskreises usw. der arbeit der stiftung in namibia ist grundsätzlich eine feine sache und verdient anerkennung. die umsetzung und ausgestaltung der veranstaltung im eberswalder zoo hingegen bedient sich überaus unreflektierter, ja, aus meiner sicht rassistischer methoden und sollte sich dieser kritik auch stellen… gut gemeint ist eben nicht immer auch gut gemacht… es geht also nicht darum jemanden unqualifiziert abzuwerten sondern kritik zuzulassen, bestehende denk- und verhaltensmuster zu hinterfragen und ggf. zu korrigieren…
    oder würde es dir gefallen auf weißwurst, bier und jodeln reduziert zu werden?

  7. 7 Anna und Peter 07. Juli 2010 um 22:34 Uhr

    da die studierenden der hnee, vor nachhaltigkeit und grün sein, anscheinend blind gegenüber dinge wie rassismus sind, möchte ich auf folgenden einführungstext zum thema rassismus verweisen: http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/05/13/deutsch-weiss/

    auch wenn an dieser hochschule kritisches denken anscheinend nicht wirklich gelehrt bzw. gefördert wird, bitte ich euch, wenigstens zu versuchen, die kritik von anderen leuten nachzuvollziehen und deren arbeit zu respektieren.

  8. 8 Dr. Gernot Hanns 08. Juli 2010 um 8:54 Uhr

    Durchforste ich das Internet so stelle ich fest, dass diverse afrikanische Vereine die Veranstaltung in Eberswalde durch Hinweise auf dieselbe unterstützen.

    Ich werde den Eindruck nicht los, dass man hier versucht ein Feindbild zu schaffen. Das ist unschön, unklug und kurzsichtig.

    Dr. Hanns

  9. 9 außenstehende 08. Juli 2010 um 10:18 Uhr

    ergänzung:

    um mal klarer werden zu lassen was im obigen artikel gemeint ist, bietet es sich an, das foto, das auf der zoo-seite für die veranstaltung wirbt, mal genauer zu betrachten:
    zu sehen sind mehrere schwarze (vom folklore-trommeln fang ich jetzt gar nicht erst an…) von denen einer mit einem rad auf dem kopf akrobatik vollführt… liegt der gedanke da nicht nahe, dass diese bildsprache auch folgende bedeutung transportiert: dass die sog. „letzten ersten menschen“ mit (in europa vollkommen geläufiger) technik nichts anzufangen wissen, als damit zu spielen?

    ich möchte damit nichts unterstellen, schon gar keine bosheit oder offenen rassismus, nur dazu ermuntern genauer hinzuschauen und sich dem hinterfragen von (eigenen) stereotypen nicht zu verschließen

  10. 10 Administrator 10. Juli 2010 um 0:26 Uhr

    sorry für die lange reise der kommentare durch die warteschleife. war verhindert. nun gehts wieder schneller mit dem moderieren.

    @ombili foundation:
    es ist klar, dass bestimmte dinge und projekte nur über spendenaktionen usw. funktionieren und finanziert werden können. der text kritisiert auch nicht die aktion an sich sondern die art und weise wie dafür geworben wird, was „zur schau“ gestellt wird und – last but not least – den absolut ungeeigneten veranstaltungsort.
    auch wenn der blog-text ein wenig polemisch gehalten ist, gehe ich davon aus, dass der rassistische kontext bei der veranstaltung nicht absichtlich hergestellt wird, sondern vielmehr ignoriert wurde, dass dieser entstehen könnte.
    ich sprach auch mit freund_innen aus anderen ländern über diese aktion und je unterschiedlich die meinungen waren, wie so etwas aufgezogen werden sollte/könnte, so waren sich doch zumindest alle einig, dass ein zoo der absolut falsche ort dafür wäre…

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